Jenny Schon: 1967 Wespenzeit


https://www.youtube.com/watch?v=2FVERQqGLSM







Paperback, ca. 156 Seiten € 17,-
ISBN 978 - 3 - 928832 - 53 - 3
»… eine literarische, schön eigenwillige Milieu- und Zeitstudie.
Der Roman ist sprachlich stark. … Für Lesende, die die Bewegung
nur aus Reportagen und TVDokumentation kennen, werden
die Geschehnisse und Personen der 68er lebendig …»
(Else Laudan)



REZENSIONEN:

Zart wie After Eight, prickelnd, frisch und samten


Noch ein 68iger Roman — muss das sein? Ja, denn es gibt wohl noch keinen, der diese Zeit aus proletarisch-weiblicher Perspektive erzählt. Tatsächlich waren solche nicht-intellektuellen Elemente auch bei Demonstrationen und gegen die >Kapitalistenschweine< gerichteten Happenings dabei. Die aus (Rhein-)ländlich-katholischem Flüchtlingsmilieu stammende Gunda läuft mit einer selbstgeschneiderten Viet-Cong-Fahne voran, aber ihr tun die Ohren weh, als die Glasscheiben des Amerika-Hauses splittern. Sie teilt mit den Kommunarden den Hunger nach einer neuen Welt.

Doch obgleich sie in Jett Rink, ein profiliertes Mitglied einer Psycho-WG, verliebt ist, möchte sie nicht in diese eintreten — u. a. um nicht von deren Orgasmusschwierigkeiten angesteckt zu werden. Die hat sie zwar selber, meint aber nicht zu unrecht, dass sie sie in einer eigenen Bude am ehesten überwinden könnte.

Allerdings muss sie zunächst einmal den Ehemann vertreiben, sich aus einem ausbeuterischen Arbeitsverhältnis heraus kämpfen und in den zweiten Bildungsweg einschwenken. Zugleich versucht sie, die neuen Heiligen Schriften zu lesen:

»Mein Gott, ich hab sie mir auch gekauft. >Vernunft und Revolution< und jetzt der absolute Renner: >Der eindimensionale Mensch<. Zum Glück muss ich nichts sagen, wenn daraus zitiert wird, ich verstehe nämlich nur Bahnhof. Wenn du redest, sage ich auch immer nur hm, hm …

Auch der Rudi ist kaum zu verstehen mit seinen Metropolen und der revolutionären Klasse. Das hat er wohl von Marcuse: >… die funktionalisierte, abgekürzte und vereinheitlichte Sprache ist die Sprache des eindimensionalen Denkens<.

Also wenn wir uns angewöhnen, so wie Rudi und Marcuse zu reden, dann versteht uns gar keiner mehr. Und ich verstehe auch nichts. In China sind die Sätze so einfach, wenn man das sieht im Fernsehen, wie die alle zugleich die Mao-Worte rufen: >Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen<.

Das könnte man mit den Worten von Rudi und Marcuse gar nicht. >In der Gesellschafts-theorie ist die Anerkennung der Tatsachen die Kritik der Tatsachen<.»


Die >Maobibel< ist es also, die sie auf Anhieb versteht und deshalb möchte sie einmal Sino-logie studieren. Das wird sie auch schaffen, denn sie seilt sich mit sicherem proletarischen Instinkt von den sie hemmenden Verhältnissen los und segelt endlich auch in einen Liebeshafen ein.


Jenny Schon erzählt ihren Roman in der aufsässigen weiblichen Sprache von unten — wie sie 1967/1968 in Westberlin gedacht und gesprochen wurde. »Nichts hat diese Generation so geprägt wie der Vietnamkrieg. Er ließ die Erinnerung an Ungarn und den 17. Juni verblassen. Er ließ die Gut-Böse-Grenze zwischen West und Ost verschwinden. Er machte die Moral des eigenen Lagers fragwürdig und wurde schließlich zum Kriterium politisch-moralischer Entscheidung.»                             (Kai Herrman, Die Zeit, 17.11. 1967)

Spannend, satirisch und sehr empfehlenswert.


Sabine Kebir (Berlin)


Liebe und verehrte Jenny Schon,

großen Dank für Ihren Roman — mon Dieu, aus was für Texten ist dieser zusammengebaut! Chapeau!! Einmal angefangen zu lesen, hört man nicht auf damit — er ist im besten Sinne kurzweilig. Sie schreiben ein jugendliches — modernes Deutsch. Ihre Form: die apodiktische Diktion steht Ihnen gut, m.E.

Dass Sie die Ideale Ihrer Jugend nicht verraten haben, berührt mich — macht Sie auch zu meinen potentiellen Verbündeten. Bestimmte Erlebnisse scheinen sich von Ihnen niemals ablösen zu wollen — mir geht es ähnlich mit meinen Kriegs-Erlebnissen, gehöre zur Kriegs-Generation (Jg.26). Trotz starker pazifistischer Neigungen meiner selbst, weiß ich heute genauer: es kann in einem Sonderfall auch einen gerechten Krieg geben — trotzdem ist jeder Krieg von übel, wie es einmal der sowjetisch-russische Schriftsteller Granin formulierte. Ja, Sie haben genau hingesehen, manche Kollegen im Westen (auch im Osten!) wollen ihre hehre Kunst nicht mit Politik beschmutzen — dabei ist wesentlich-bedeutende Kunst immer auch »politische» Kunst gewesen. Voila.

G.K.M., Leipzig



über den Roman »1967 Wespenzeit» von Jenny Schon

Der Roman schildert die politischen Geschehnisse in West-Berlin während der 1960er Jahre.

Fasziniert von der Entwicklung Chinas unter Mao und abgestoßen vom anhaltenden Vietnamkrieg der USA, taucht die Erzählerin immer tiefer in die linke Szene ein.


Zeitgleich versucht sie, sich ein eignes Leben aufzubauen (Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Selbstständigkeit) und sich von den Männern loszueisen — ihrem korrupten Chef mit Nazi-Vergangenheit, einem gewalttätigen Ehemann, ihrem ich-bezogenen Schwarm »Jett» aus dem SDS und einem bürgerlich-konservativen Mentor.


Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben, die Protagonistin lebt partiell in einer James-Dean-Traumwelt: Sie vergöttert Jett, den gefallenen Giganten aus Giant, und spricht ihn in ihrer Erzählung immer wieder direkt an.


1967  Wespenzeit ist eine literarische, schön eigenwillige Milieu- und Zeitstudie. Der Roman ist sprachlich stark. Die absichtsvolle Fragmentierung durch stimmungsreiche Szenarienwechsel erzeugt ein lebhaftes, sehr sinnliches Kaleidoskop aus kraftvollen Bildern, die ein Stück Zeitgeschichte aufarbeiten, ohne zu moralisieren.


Für Lesende, die die Bewegung nur aus Reportagen und TV-Dokumentation kennen, werden die Geschehnisse und Personen der 68er lebendig, die vitale und angenehm unkonventionelle Sprache zieht sofort in den Bann.


Else Laudan (Hamburg)

Bei You Tube  (unter Jenny Schon im Kohlenkeller 10. Juli 2015)

https://www.youtube.com/watch?v=2FVERQqGLSM


habe ich mir den Beitrag angesehen. (1Std.24) Zunächst war ich ein wenig vergnatzt, als da ein Peter Strotmann meinte, dass die DDR als Gegengewicht zum Kapitalismus fehle. Dann aber kamen Sie und meinten so nebenbei, sie nicht zu vermissen, weil sie uns zu sehr genervt habe. Und dann kamen Sie nicht mehr so nebenbei, sondern legten los, lasen aus Ihrem Buch vor und vermochten in gewohnter Weise den Zuhörer zu fesseln. Wie Sie das machten, das war schon bemerkenswert. Die Ruhe, die Sie ausstrahlten war beneidenswert und die Klarheit beeindruckend. Glückwunsch! Uli L.



Jenny Schon, "1967 Wespenzeit" ist ein tolles Buch! Habe es in 2 1/2 Tagen durchgelesen, alle anderen Bücher beiseite gelegt und mich ganz entführen lasssen in eine Welt, die aus heutiger Sicht fast idylisch wirkt. Unbedingt lesen! Ein Dankeschön auch an den Verleger, lieber Michael.

Beste Grüße Alexander Cien (8. Juni 2015)



Erzähltechnisch ist Deine "Wespenzeit" perfekt "gewebt". Was Du mir an Lesermeinungen mitgeteilt hast, ist anscheinend hauptsächlich ein Eingehen auf die zeittypischen Details, Ansichten, Selbststilisierungen, Redensarten mit Wiedererkennungswert. Je weiter ich lese, desto deutlicher wird mir, mit welcher Kunst Du das verarbeitet hast, mit welcher Konsequenz Du es fertigbringst, an der Standortbedingtheit der "Perspektive" festzuhalten und scheinbar ganz "naiv" höchst anschaulich und wie in einem Traumtanz farbig abwechslungsreich zu erzählen. Natürlich hast Du eigenes Insider-Wissen und ein sehr gutes Gedächtnis, aber ein solches Gewebe daraus zu machen, das ist schon toll. Wenn es Dich nicht stört, daß ich was über meine Meinung über Dein schriftstellerisches Können sage, dann behaupte ich: Dieses Können bist Du selber in Deinem eigensten Kern, Wahrheit und Dichtung, Ansage und Fabel zugleich.

Horst S., Germanist und Historiker



Jenny Schons neuer, wohl auch autobiographischer, Roman »1967 Wespenzeit» spielt im Westberlin des Jahres 1967. Er berichtet über die junge Ich-Erzählerin und Mao-Anhängerin Gunda Lux, das Leben und die Geschehnisse im Westberlin jener Zeit. Gunda nimmt nicht nur an Aktionen und Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg teil, sondern hat auch in ihrem eigenen Leben verschiedene Herausforderungen zu meistern: Auseinandersetzungen mit ihrem Chef oder ihrem (noch) Ehemann, den Aufbau eines eigenen Lebens (einschließlich nachgemachtem Abitur) und Liebeskummer wegen ihres Schwarms aus dem SDS, dem sie den Namen »Jett Rink» (nach einer der Filmfiguren von James Dean) gibt. All das gelingt ihr auf beeindruckende Weise. Sie hält unbeirrt an ihren Zielen fest und emanzipiert sich — obwohl schon sehr selbständig und »unerschrocken» — im Laufe des Romans noch weiter von vielen (oft männlichen) Einflüssen um sie herum. Als Leser kann man so nachvollziehen, welche Einstellungen allgemein vorherrschten, von denen sich teilweise auch Gunda Lux zuerst befreien muss.

Zitieren möchte ich hier den Kommentar des Buchrückens von Else Landau, der auch meinem Eindruck des Buches entspricht:

»‘1967 Wespenzeit‘ ist eine literarische, schön eigenwillige Milieu- und Zeitstudie. Der Roman ist sprachlich stark. Die absichtsvolle Fragmentierung durch stimmungsreiche Szenarienwechsel erzeugt ein lebhaftes, sehr sinnliches Kaleidoskop aus kraftvollen Bildern, die ein Stück Zeitgeschichte aufarbeiten, ohne zu moralisieren. Für Lesende, die die Bewegung nur aus Reportagen und TV-Dokumentation kennen, werden die Geschehnisse und Personen der 68er lebendig, die vitale und angenehm unkonventionelle Sprache zieht sofort in den Bann.»

Tatsächlich fand ich auch, dass man über die Hauptperson in diese Zeit hineinversetzt wird. Durch ihre Gedanken, Gespräche und Zeitungsausschnitte oder Briefe entsteht ein viel anschaulicheres Bild, als dies durch die reine Wiedergabe von historischen Fakten möglich wäre. Einiges wird erklärt oder zitiert, etwa aus Flugblättern der Kommune 1. Anderes wird wiederum nur angedeutet und erfordert Vorwissen, z. B. wenn manche Akteure der 68er nur beim Vornamen genannt werden wie Rudi Dutschke. Auch wenn ich selbst an der ein oder anderen Stelle online (peinliche) Wissenslücken schließen musste, fand ich den Roman dennoch sehr informativ, ohne bemüht oder belehrend zu wirken.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Gunda Lux und ihre verschiedenen privaten Herausforderungen. Hierdurch ist das Buch spannend, weil man mitfiebert, wie etwa die Auseinandersetzung mit dem (vormaligen) Chef ausgeht oder ob und wie sich eine Liebesgeschichte mit »Jett» entwickelt. Sehr anschaulich dargestellt ist dadurch außerdem der damalige Wunsch nach mehr Selbstbestimmung, nach Veränderung, nach Selbstverwirklichung und das Hinterfragen bestehender Verhältnisse. Deutlich wird, dass sowohl Selbsteinsicht als auch Beharrlichkeit nötig war (und ist).

Besonders gefallen hat mir auch, wie die Autorin ihre Meinung preisgibt. Unaufdringlich und dennoch eindrücklich und differenziert. Es ist aus meiner Sicht ein sehr feministischer Roman, der durchaus kämpferisch ist ohne aggressiv zu sein. Gunda Lux entscheidet selbstbestimmt was sie will, und hält dann unbeirrt — trotz aller Hindernisse — daran fest. Sie ist für ihr eigenes Leben nicht bereit, Dinge hinzunehmen, die sie nicht akzeptieren kann. Und bereit, dafür etwas zu riskieren. Anderen bietet sie zwar ihre Hilfe an, drängt sich aber nicht auf, wenn die Betroffenen anderer Ansicht sind oder es bevorzugen, untätig zu bleiben. Sie setzt sich mit unterschiedlichen Meinungen auseinander, übernimmt sie aber nicht blind oder plappert sie gar (unverstanden) einfach nur nach. Sie kommt zu dem Schluss, dass Manches einfach zu abgehoben formuliert ist und wendet sich lieber Texten zu, zu denen sie tatsächlich einen Zugang findet.

Empfehlen kann ich das Buch gerade denjenigen, die — wie ich — nicht sehr viel über diese Zeit wissen und keine großen Sachbuchleser sind. Ganz sicher werden aber auch diejenigen, die viel darüber wissen oder die Zeit selbst miterlebt haben, die Lektüre genießen, schon weil der Roman viele — teilweise ironische — Anspielungen enthält. Für meinen Teil werde ich den Roman ein zweites Mal lesen, um die Facetten wahrzunehmen, die mir beim ersten Lesen entgangen sind.

M. Jung