dahlemer
verlagsanstalt

Frank Norten

Die nicht mischbaren Farben der Freiheit

Gedichte
Paperback, 142 Seiten € 17,-
ISBN 978-3-928832-81-6


Aus dem Liederbuch für Knirscher lautet das erste Kapitel in Frank Nortens neuem Lyrikband Die nicht mischbaren Farben der Freiheit. In der World of Warcraft ist Knirscher ein »Kampfhaustier«. Die freie Pokémon-Enzyklopädie PokéWiki sagt: »Knirscher verursacht Schaden …« Und es gibt noch die stressgeplagten, vor allem nächtlichen Zähneknirscher, die durch Entspannungsübungen wieder klar kommen sollen.
Im ersten Gedicht des Bandes,
Auf Dauer blind , endet die Welt der Harmoniesüchtigen gewöhnlich an der kannibalistischen Nachbarinsel. Ob wir, ohne mit der »Geduld der Tiere« ausgestattet zu sein, überhaupt auf diese Erde gehören, fragt das Lyrische Ich – implizierend, dass doch auch wir dieser Spezies angehören, aber eher blind sind, da täuschungswillig.
Auch das zweite Gedicht,
Ich bin eine Zikade, stimmt nicht unbedingt optimistisch, schreibt sich das Lyrische Ich hier doch allerlei Eigenschaften und Umstände zu, die nicht gerade darauf hindeuten, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein könnte: zwar »verwöhnt« und aus »gutem Haus«, aber eben auch »lasterhaft«, ein »Trinker«, »Müßiggänger«, »Nichtsnutz«, ein »Bombenbastler«, »Kinderschänder«, die »Monotonie des Lebens«. Die Zikade, Tarnungsspezialist und Pflanzenaussauger, ist im wahrsten Sinne des Wortes »sprunghaft«, rund 350.000 verschiedene Arten soll es geben, was rund ein Viertel aller Organismen ausmacht.
Frank Norten schreibt vom »Traum eines lächerlichen Menschen«
(Am Swimmingpool) , über den – schwindenden – Glauben an »Gott« (hier: »die Unversehrbarkeit der Seele«), über »Trümmer in den Augen«, über »Hirnfunktionen am Mittag«, den »gewöhnlichen Irrsinn«, über die Düsterkeit des Vergänglichen. Das vom Leben »unbeeindruckbar« gewordene Individuum, desillusioniert und immer wieder zur Flasche greifend, entspricht einer Sicht auf den Menschen, die – und hier kommt Frank Nortens persönliche Geschichte ins Spiel – sicher auch vom Berufsweg des Autors geprägt wurde, der an der Berliner Charité Medizin studierte, nach Ablegen der Facharztprüfung für Neurologie und Psychiatrie eine Doktorarbeit über den Suizid bei Schizophrenen schrieb und lange Jahre als Arzt in einer psychiatrischen Institutsambulanz arbeitete.
Im zweiten Kapitel
(Im Norden soll eine Sonne leuchten, die nicht verbrennt) verschärft sich Nortens den Leser in seine Weltsicht ziehender Ton weiter. Von Prostitution, Methadon und Krieg handeln die Texte, vom Judentum, Auschwitz, vom Sinn des Lebens, von Flucht und Krieg, sehr frei geschrieben, um dann wieder (wie in Kyrie Eleison ) in einen anderen, reimgeprägten Duktus überzuspringen: Ich war Schilf. / Ich war ein Molekül in Meteorgestein. / Ich musste Ratte sein. / Von dort der Mensch. / Die Sonne sticht schon lange / auf mich ein.
Frank Nortens Gedichte sind apokalyptisch
(Die nächste Welt ), beinflusst von »Jakobs Weltende« von Jakob van Hoddis, expressionistisch bis surrealistisch, nie belanglos. »Selten habe ich als Lektor und Verleger Lyrik von solch einer Wucht vorgelegt bekommen.«, kündigt Michael Fischer, Verleger und Lektor der dahlemer verlagsanstalt, Nortens Lesung auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse an.
Prof. Leszek Szaruga, polnischer Dichter und Literaturwissenschaftler, spricht in einem Vorwort zu einer Ausgabe eines Gedichtbandes in Polen von einer »katastrophalen Tonart der Gedichte Nortens«, Charles Dobzynski in
Aujourd´hui Poème , Paris 2007, vom Risiko Nortens, »scheinbar frech oder unangemessen aufzutreten«. Möglicherweise Resultat einer jahrzehntelangen Berufstätigkeit in einem Milieu fernab sogenannter Normen und durchschnittlicher Maßstäbe. In keinem Fall langweilig.
Auf dem Cover ist der Rheinturm in Düsseldorf abgebildet, im Vordergrund eine Affenskulptur aus der mittlerweile geschlossenen Strandbar und Kult-Insel
Monkey‘s Island im Düsseldorfer Medienhafen. »Ich habe die Vögel immer noch. / Der Hund ist gestorben. / Du und ich haben Tiere immer gemocht.«, heißt es im Gedicht Dein Schlaf, Tochter, dessen zentraler Punkt den Leser genauso betroffen macht wie Der Esser an Deinem Tisch oder Mond heißt . Frank Norten seziert Leben, Lebensentwicklungen, Daseinszustände, Bewusstseinszustände, das Absurde, die vorbeigehenden Zeit. Er hält den Lesenden mitunter einen Spiegel vor, in dem sie ausschließlich sich selbst erkennen (Der Spiegel im Bad).
Das Lyrische Ich dokumentiert den eigenen Verfall (»Was sind wir geworden? Nur ein Heer von Trinkern.« in: Ginge es nach mir ), der (»Fast alles geschieht ohne mein Zutun.« in: ebd.) für einen immerwährenden (da gedankenbefreiten) Sommer gehalten wird (Gedicht vom Trinken, Alkohol auf Erden) , weil das Individuum die Anpassung an die Realität versäumt hat. Erst im letzten Gedicht (Lassen wir es darauf ankommen) ist es bereit, seine Fußsohlen den Bodenverhältnissen entsprechend (glatter Marmor) aufzurauen.
Frank Nortens Gedichte sind Ausdruck eines Suchenden in der Wirrnis einer hochkomplexen Zeit. »Alle wollen leben. / Alle haben ihren eigenen Wahn. /
Redet zu uns! « Die politischen Implikationen – nicht nur im Kapitel Das amerikanische Kreuz – sind mehr als unüberhörbar.
(Franziska Röchter auf http://lyrikgesellschaft.de )

»... seine ganz freie, manchmal abgehobene, kräftigende Schreibdichte gefällt den Lesern, denn sie beinhaltet eine bittere Hellsichtigkeit, die sowohl die Gegenwart als auch das Vermächtnis der Geschichte aufgreift, wobei der Dichter das Risiko eingeht, scheinbar frech oder unangemessen aufzutreten.«
(Charles Dobzynski in
Aujourd´hui Poème' Paris 2007)