dahlemer
verlagsanstalt

Aksel Seul
Wölfe mitten im Mai

Roman


Paperback, 278 Seiten € 19,-
ISBN 978--3949941-10-8


Deutschland wenige Jahre in der Zukunft. Die Brandmauer fällt.
Daniel und Leonie wollen ihrem Sohn Fabian ein sicheres Zuhause bieten. Gleichzeitig wächst der Hass im Viertel: In der Kneipe »Henne« werden aus Stammtischparolen offene Drohungen. Aus Bekannten werden Feinde. Und Fabian – klug, sensibel, auf der Suche nach Zugehörigkeit – gerät immer tiefer in den Einflusskreis völkischer Siedler.
Was als politisches Ringen beginnt, wird zum Kampf um die eigene Familie. Zwischen Denunziationen, Straßenschlachten und der alles durchdringenden Angst versuchen Daniel und Leonie, ihren Sohn zurückzuholen.
Ein Roman über den Zerfall einer Gesellschaft – und über die Frage, wie weit man gehen würde, um die zu retten, die man liebt.


Lesung am 12.05.2026






Guten Morgen ,

wenn ich mit einem neuen Buch anfange, lese ich nie, was auf dem Rücken oder im Einband steht, aber immer, was über die Autorin oder den Autor geschrieben wird. Bei „Wölfe mitten im Mai“ (Dahlemer Verlagsanstalt) hat sich das besonders gelohnt.

Über Autor Aksel Seul steht dort Folgendes: „Nach Jahren in Berlin-Kreuzberg zog er ins Wendland und wurde Zimmerer. 2011 begann er zudem als Gleitschirmfluglehrer zu arbeiten, 2012 erfolgte der Umzug nach Düsseldorf. Seit seiner Jugend, die er als Schulabbrecher und Punk im Berlin der 80er Jahre verbrachte, ist das Schreiben Teil seines Lebens.“

Ungewöhnliche Worte an einer Stelle, an der gerne sonst zwei Wohnsitze und ein halbes Dutzend mehr oder minder renommierte Auszeichnungen stehen. Der Mann mit diesem Lebenslauf erzählt in seinem neuen, seinem zweiten Roman eine Geschichte, die 2021 in Düsseldorf beginnt und in einer nicht allzu fernen Zukunft endet. In dieser Zeit übernehmen Rechtsextreme in der Stadt und im Land die Macht.

Das Paar (Leonie und Daniel) im Mittelpunkt des Romans erlebt diese Veränderung auf verschiedene Weisen. In der Lieblingskneipe kippt die Stimmung von „Man wird doch noch was gegen Lastenräder sagen dürfen“ zu Rassismus. Den jugendlichen Sohn fasziniert ein völkisches Dorf im Düsseldorfer Umland – und im Fernsehen sehen sie, wie die Partei DAP eine Wahl nach der anderen gewinnt und so höchsten Regierungsämtern immer näherkommt.

Aksel Seul mischt dabei Wirklichkeit und Fiktion. Die übrigen Parteien haben die Namen, die wir alle kennen, die Wahltermine in der Geschichte stimmen weitgehend mit denen überein, die wir erlebt haben. Die Berliner Politikerinnen und Politiker wiederum haben fiktive Namen, einzig der Chef der Freien Wähler in Bayern heißt auch Aiwanger.

Diese Mischung ist ein wirkungsvoller literarischer Trick. Auf der einen Seite erscheint die gesamte Entwicklung denk- und nachvollziehbar, zugleich wird aber auch deutlich, dass im Roman eine mögliche Zukunft erörtert wird. Genau deshalb kann man während und nach der Lektüre intensiv diskutieren. Wie nah sind wir an diesem politischen Kipp-Punkt? Wie gut und heimlich vorbereitet sind Rechtsextreme auf diesen Moment? Inwiefern könnte es tatsächlich ähnlich wie in der Weimarer Republik laufen und das, obwohl wir die Geschichte kennen?

Ich habe „Wölfe mitten im Mai“ das erste Mal nach 104 Seiten abgelegt – dabei setzt Aksel Seul gerade nicht auf Cliffhanger oder Ähnliches. Er baut die Handlung ganz in Ruhe auf. Es passiert erstmal nicht viel beziehungsweise ganz überwiegend Alltägliches. Es gibt nur wenige Störmomente und Irritationen, die sich langsam ins Leben, in die Köpfe und Gefühle der Hauptfiguren einschleichen.

Der Vergleich ist vielleicht ein bisschen schief, aber ich mochte die Serie „Breaking Bad“ nicht, weil ein Chemielehrer Drogen herstellt, sondern weil die Gesamtkonstellation der Geschichte in Ruhe aus den Figuren heraus aufgebaut wird. So habe ich das auch bei diesem Roman empfunden.

Das zweite Mal habe ich ihn dann nach 276 Seiten abgelegt. Da ist er leider zu Ende.

Danke, dass Sie VierNull lesen
Ihr Christian Herrendorf